Erlebnispädagogik

Wurzeln der Erlebnispädagogik

In der Reformpädagogik war der Begriff Erlebnis von zentraler Bedeutung. In einer erlebnisarmen Welt Erlebnisse ermöglichen, ist eine Chance für die Erziehungsaufgabe. Auch heute wieder ist die Welt arm an echten Erlebnissen. Kinder und Jugendliche machen einen großen Teil ihrer Erfahrungen passiv, ohne eigene Anstrengung vermittelt durch Medien. Eine wahre Reizüberflutung lässt viel zu oft abstumpfen und verhindert reale Begegnungen. Auch der schulische Alltag bietet nur selten primäre Erlebnisse.


Die Kurzzeitschulen von Kurt Hahn [5]  boten Erlebnisse und Abenteuer als Erlebnis- und Abenteuermöglichkeiten. Er wird als „Vater der Erlebnispädagogik“ gesehen, obwohl er stets vertrat, dass „alles gestohlen sei“ und nichts Eigenes entwickelt wurde. Trotzdem war seine „eklektische“ Pädagogik, wie er sie dann zuerst in Salem praktizierte, durchaus neuartig und bis heute von bedeutendem Einfluss.


Grundlage seiner Pädagogik war, dass weit über die bloße Wissensvermittlung hinaus, die Gesamtpersönlichkeit der einzelnen Schülerperson Gelegenheit zur Entwicklung bekommen sollte. Die Betonung liegt auf der Selbstverwirklichung, den schöpferischen Kräften der Jugendlichen und das Gemeinwohl. Der Einsatz im Seenotrettungsdienst bot neben diesen Aspekten auch Möglichkeiten eines sozialen Engagements.


Diese Ansätze enthalten neben der Schulkritik auch Kritik an der Gesellschaft, insbesondere an der bürgerlichen Kleinfamilie, die nicht in der Lage sei, Jugendlichen grundlegende Erlebnisse zu bieten. Die Landerziehungsheime von Hermann Lietz [6]  und Internatsschulen, wie Salem von Kurt Hahn, entwickelten nach englischem Vorbild neue Formen des Zusammenlebens der Jugendlichen untereinander und mit ihren Lehrpersonen. Die frühe Erlebnispädagogik führte, wie manche reformpädagogischen Ansätze, auch in den Missbrauch durch die Nationalsozialisten. [7]


Die Erlebnispädagogik entstand in der Reformpädagogik und setzt auf die soziale Kompetenz der Lernenden. Gruppen-Erfahrungen in der Natur helfen zu sozialen Kompetenzen und bei der Persönlichkeitsentwicklung. Natursportarten bieten sich als Erlebnismöglichkeiten an und werden mit Methoden aus Theater-, Spielpädagogik und Gruppendynamik ergänzt.

Erlebnispädagogisches Grundkonzept

Das erlebnispädagogische Grundkonzept will den Charakter des Menschen fördern und um eine freiheitlich-demokratische Gesellschaft stärken. Es geht also immer um die Auseinandersetzung mit sich selbst, der Umwelt und der Gesellschaft. Im körperlichen Training sucht sie Selbstüberwindung und Selbstentdeckung. Die Tiefe des Erlebnisses bestimmt den Lerneffekt, nicht dessen Dauer. Die Erlebnispädagogik stellt sich Extremsituationen, also hohen Anforderungen und Konflikten, die zu lösen sind. Auf dem Weg zur Lösung liegt der erziehende und bildende Wert.

In der Erlebnispädagogik ist die Natur ein Mittel, durch das eine Persönlichkeit wächst. Stellt die Natur Hindernisse, die es zu überwinden gilt, werden besondere Erlebnisse möglich. Angeregt durch die Natur übt die Person ihre Fähigkeiten und entwickelt sich dadurch weiter. Es geht primär um Selbsterkenntnis und Ich-Stärkung und nur sekundär um das Erleben oder gar Wissen um die Natur. In extremen Situationen, z.B. beim Bergsteigen oder Wildwasserfahren, muss ein schonender Umgang mit der Natur gesucht werden.

 

Erleben ist immer ganzheitlich und unmittelbar. Erlebnis ist an der Gegenwart orientiert. Erlebnisse sind unberechenbar, also pädagogisch nicht komplett planbar. Situationen können so gestaltet werden, dass Erlebnisse möglich werden und es bleibt dem Individuum überlassen, was davon zum persönlichen Erlebnis wird.

Erlebnispädagogische Methoden sind heute eher im außerschulischen Bereich und in der Arbeit mit Randgruppen angesiedelt. [8]

 Erlebnispädagogische Projekte wollen authentische, ästhetische, praktische, körperliche und gemeinschaftliche Erfahrungen ermöglichen. Werden diese Erfahrungen strapaziös und riskant, können sie zum Abenteuer werden. [9]

 

Seit den 1950er Jahren hat sich die Erlebnispädagogik in Deutschland zu einer Blüte entwickelt. Die Outward-Bound-Bewegung und andere entwickelten das Konzept weiter. Erlebnispädagogik wurde, ganz im Sinne von Kurt Hahn, schon fast zu einer „Erlebnistherapie“: Im Erlebnis liegen heilende Kräfte. Outdoor-Aktivitäten fordern delinquente Jugendliche heraus. Segeln, Klettern und Höhlentouren werden mit schwierigen Schülern unternommen. Niedrig- und Hochseilgärten werden bis heute zunehmend gebaut und für diese Aktivitäten genutzt. In Anlehnung an Kurt Hahn setzte man die Erlebnispädagogik gleich mit einer handlungsorientierten Methode, in der Natur, Erlebnis und Gemeinschaft pädagogisch zielgerichtet miteinander verbunden werden (Reiners, 2003). Diese Definition könnte ebenso auf die Waldpädagogik bezogen werden. Daher gilt: „Waldpädagogik versteht sich als eine Erlebnispädagogik der kleinen Erlebnisse“ (Bolay,1998).

 

Neuere Konzepte der Erlebnispädagogik beziehen auch bewohnte und städtische, jedoch pädagogisch unerschlossene Gebiete ein. Es wird vor allem Wert auf exemplarische Lernprozesse gelegt, in denen Menschen physische, psychische und soziale Herausforderungen annehmen und dabei ihre Persönlichkeit entwickeln. Sie sollen befähigt werden ihr Leben und ihre Umwelt verantwortlich mit zu gestalten.

Wichtige Ziele liegen in der Persönlichkeitsentwicklung. Gefördert werden Selbstwahrnehmung und Reflexionsfähigkeit, die Klärung von Zielen und Bedürfnissen, Entwicklung von Eigeninitiative, Spontaneität, Kreativität und nicht zuletzt Selbstvertrauen, Selbstbewusstsein und Selbstwertgefühl. Ebenso sind die sozialen Kompetenzen durch die Notwendigkeit von Kooperation, Kommunikation und Konfliktbewältigung herausgefordert. Ein systemisches Bewusstsein für ökologische Zusammenhänge soll den Einsatz für die Erhaltung der Natur und ihrer Schönheit fördern. Hier trifft sie sich mit der Waldpädagogik. Zur Erreichung dieser Ziele stellt die Erlebnispädagogik Instrumentarien und Methoden zur Verfügung (Reiners, 2003).

Auch heute noch bieten erlebnispädagogische Konzepte Möglichkeiten zur Auseinandersetzung mit der modernen Welt und deren Anforderungen. Gerade moderne Industriegesellschaften brauchen selbstbewusste junge Menschen, die sich ihrer Umwelt stellen und diese mit gestalten können.

 

Heckmair und Michl (2008) definieren „Erlebnispädagogik ist eine handlungsorientierte Methode und will durch exemplarische Lernprozesse, in denen junge Menschen vor physische, psychische und soziale Herausforderungen gestellt werden, diese in ihrer Persönlichkeitsentwicklung fördern und sie dazu befähigen, ihre Lebenswelt verantwortlich zu gestalten.“ Erlebnispädagogik zeichnet sich heute aus durch: ganzheitliche Handlungsorientierung (s. Bd I), lernen in Situationen mit Ernstcharakter, Gruppenorientierung, Erlebnischarakter, Freiwilligkeit und ein spezielles pädagogisches Arrangement.

Die erlebnispädagogischen Methoden sind älter als der Begriff. Wichtige Vordenker waren Jean-Jacques Rousseau [10] , Henry David Thoreau [11], Baden-Powell [12] und Kurt Hahn [13], der auch als der Vater der deutschen Erlebnispädagogik gilt.

Das Schlagwort „Erleben statt reden“ aus den 1980er Jahren drückt aus, was viele Pädagogen dieser Zeit wollten. Der zentrale Begriff bei allen erlebnispädagogischen Ansätzen ist das Erlebnis. Erlebnisse sind Bewusstseinsvorgänge, die Menschen tief berühren und ganzheitlich ergreifen. Sie ergeben sich aus dem subjektiven und individuellen Erleben des einzelnen Menschen. Einzelne Situationen werden erst dann zu Erlebnissen, wenn sie vom Betrachter als etwas Besonderes außerhalb des Alltages wahrgenommen werden. Ereignisse sind planbar, aber ob diese zu Erlebnissen werden liegt an den Personen. In der Pädagogik sind Erlebnisse gewollt. Da Erlebnisse subjektiv und unwillkürlich entstehen, lassen sie sich nicht zielgenau herbeiführen und sind damit nicht pädagogisch vorausplanbar. Jedoch besteht darin der pädagogische Ansatz der modernen Erlebnispädagogik. Die Wirkung ergibt sich durch die spezifische Weise in der sie genutzt, präsentiert und kombiniert werden. Gelehrt werden soll, sich selbst einschätzen zu können und sich selbst wahrzunehmen, um die eigene Position im persönlichen wie im gesellschaftlichen Umfeld zu finden.  

 

 


[5] Kurt Hahn (1886 - 1974) war als junger Mann von Hermann Lietz und seinen Schriften beeindruckt. Er lernte Prinz Max von Baden kennen und gründete 1920 das Internat auf Schloss Salem am Bodensee. Im Dritten Reich emigrierte er nach Großbritannien. 1953 organisierte er Salem nach den Prinzipien: Ordnung, Kameradschaft und Idealismus. Soziales Engagement in Seenotrettung und Feuerwehr gehörten zum Schulprogramm. Aus der Emigration brachte er das neue Konzept der Kurzschulen mit. In zwei Wochen wurden die Teilnehmenden beim Klettern, Segeln usw. an die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit geführt.

[6] Hermann Lietz (1868 - 1919) Reformpädagoge, gründete nach englischem Vorbild in Ilsenburg das erste deutsche Landerziehungsheim. Spätere Gründungen waren Biberstein und Haubinda, wo er dann auch starb. Die Lietz-Schulen waren ein wichtiger Ursprung der Landerziehungsheime. Hermann Wynneken (formulierte die Theorie) und Paul Geheeb (Gründer der Odenwaldschule) waren Lehrer bei Lietz in Haubinda und gründeten gemeinsam die freie Schulgemeinde Wickersdorf.

[7] Alle diese Reformschulen waren im Dritten Reich geschlossen. Die Jugendbewegung wurde von den Nationalsozialisten gleichgeschaltet. Was sich nicht absorbieren ließ, wurde verboten und diese Personen mussten emigrieren. Einige wurden später, insbesondere in der ehemaligen DDR, wieder eröffnet und in das Bildungssystem der damaligen DDR integriert.

[8] Natürlich machen auch immer öfter Lehrpersonen mit ihren Schulklassen erlebnispädagogische Unternehmungen und das ist besonders wertvoll. Trotzdem ist diese Veranstaltung, obwohl eventuell eine schulische, kein Unterricht im herkömmlichen Sinne.

[9] Abenteuer jedoch sind nicht plan- und organisierbar, also keine pädagogischen Maßnahmen. Daher ist es auch nicht sinnvoll, von Abenteuerpädagogik zu sprechen. Der pädagogische Auftrag ist, dass die leitende Person, die Situation unter Kontrolle hat und beherrscht. Abenteuersituationen sind nicht kontrollierbar – sollten also eher vermieden werden. Auch rechtliche Konsequenzen schließen Abenteuer aus, denn die Verantwortlichen müssen ihrer Verantwortung gerecht werden können .

[10] Ganz bedeutende Grundlagen der Erlebnispädagogik findet man bei Jean-Jacques Rousseau (1712–1778). Sein Buch Emile oder über die Erziehung ist ein Plädoyer für eine „Natürliche Erziehung“unter dem Motto „Zurück zur Natur wiedergegeben wird. Sein Ziel ist Erziehung ohne Erzieher, die durch natürliche Strafe, d.h. die negativen Folgen von unpassenden Handlungen, zum freien Menschen führt. Nach Rousseau wird der Mensch durch drei Dinge erzogen:

Die Natur, die Dinge und die Menschen –in der Reihenfolge der Bedeutung. Lernen orientiert sich nicht an der Person des Erziehers, sondern am Umgang mit Dingen in der Natur. Menschen sollen die Erziehung der Natur und der Dinge stärken und negative Einflüsse, wie Gesellschaft, Wissenschaft, Kunst und Zivilisation zu verhüten. Rousseau kann als Vertreter des handlungsorientierten Lernens gesehen werden: „Leben heißt nicht Atmen, sondern Handeln. Erlebnis und Unmittelbarkeit sind die beiden wichtigsten Säulen seiner Erziehungsutopie.

[11] Henry David Thoreau (1817–1862) wollte das ursprüngliche und unmittelbare Leben und lehnte den damals herrschenden Zeitgeist, wie Luxus, Bequemlichkeit, Mode, Zivilisation und Technik ab. Er suchte nach den eigentlichen Lebensbedürfnissen des Menschen und lebte in einer selbst gebauten Blockhütte am Walden-See nahe seiner Heimatstadt Concord zweieinhalb Jahre lang ein bedürfnisloses Leben, um zum eigentlich Wichtigen vorzustoßen. Neben der Natur, an der jeder jederzeit kostenlos lernen konnte, war er der Ansicht, dass man Volkshochschulen einrichten sollte, die Bildung und Weltsicht verschaffen sollten.

[12] 1907 gründete Robert Baden-Powell in England die erste Pfadfindergruppe. Er ist damit einer der geistigen Väter der Erlebnispädagogik. Zur Pfadfinderbewegung gehörten 2006 weltweit mehr als 38 Millionen Kinder und Jugendliche aus 216 Ländern. Deren Methode wurde von vielen anderen Jugendverbänden übernommen und hat die Jugendarbeit, die Sozialpädagogik und Schulpädagogik beeinflusst. Viele Elemente wurden ins Outdoor- , Management- und Teamtraining übernommen.

[13] Der Reformpädagoge Kurt Hahn (1886-1974) wird oft als „Vater der Erlebnispädagogik“ bezeichnet. Das Erlebnis und die Arbeit wurden zu Grundbegriffen seiner Pädagogik. Schule sah er als „Erlebnisfeld des Kindes“. Hahn leitete 1920 bis 1933 das Landerziehungsheim Schloss Salem. Nach der Emigration gründete er 1934 die „British Salem School“ in Schottland. Hahn wandte sich mit seiner Pädagogik gegen die Verfallserscheinungen seiner Zeit (Mangel an Menschlichkeit, körperlicher Tauglichkeit, an Initiative, Spontanität und Sorgsamkeit). Mit seinem erlebnistherapeutischen Konzept sollten diese Krankheiten der Gesellschaft bekämpft werden. 1946 gründete er die Outward Bound-Bewegung.

Kurt Hahn verstand Natur- und Kulturlandschaften als wichtigste Handlungsfelder seiner Erziehung. Voraussetzung und Bedingungen waren die Ernsthaftigkeit der Situation. Körperlichkeit und das Gefühl, physische und psychische Anstrengungen als lustvoll zu erleben sind Ansatzpunkte der Erlebnispädagogik.