Kriterien für waldpädagogische Veranstaltungen nach BNE

Kriterien für Bildungsprogramme können helfen, neue Perspektiven einzunehmen und dadurch neue und alte Themen der Umweltbildung neu anzugehen. Je mehr dieser Kriterien eingehalten werden, umso eher können Ziele der BNE erreicht werden und bei den Zielgruppen die Teilkompetenzen der Gestaltungskompetenz gefördert werden.


BNE ist ein Konzept für den Umgang mit der Welt und den Menschen. Sie versieht die „alten Themen“ der klassischen Umweltbildung mit einer neuen Tiefen- und Breitendimensionen. Vertiefung heißt, dass die Themen punktuell tiefer gehend ausgelotet werden. Insbesondere in selbstorganisierter Projektarbeit bekommen die einzelnen Lernenden tieferen Einblick in die Fachstruktur und die jeweiligen Fragestellungen. Insbesondere die Bedeutungszusammenhänge für die ganze Menschheit und die globale Welt werden dabei immer wichtiger.


Breiter wird der Einblick, weil zwischen den Fachrichtungen und durch alle Fächer hindurch zentrale Fragestellungen und Methoden zu deren Beantwortung erschlossen werden.


Es geht um Zusammenhänge und Grundstrukturen, nicht um einzelne Details. Klar ist natürlich, dass jedes Netz von Zusammenhängen auch Zwischenräume und Knotenpunkte hat. Vernetzt sind Fragen und Antworten, Themen und Fakten, die Welt und die Menschen. Da es immer auch um Handlungen und Entscheidungen von Einzelnen und von Gruppen geht ist deren Basis von Bedeutung. Handeln und Entscheiden muss von Kompetenz getragen werden, sonst ist es purer Aktionismus. Dafür ist Wissen um die Welt und deren Zusammenhänge notwendig. Handlungswissen kann erworben und dann beherrscht werden. Kenntnisse und Wissen sind nach wie vor erforderlich, sind aber sekundär, denn der Anspruch geht über diese weit hinaus. Primär sind Erfahrungen, denn erfahrungsbasiertes Wissen ist hilfreich. Wissen ohne Erfahrungsbasis ist hohl und leer. Leeres Wissen ist nicht hilfreich zum Meistern der Zukunft [37].


Zukunftsfragen angehen macht es erforderlich mit einem neuen Blick relevante Themen neu zu betrachten. Nur erfahrungsbasiertes Wissen macht einen flexiblen Perspektivenwechsel möglich. Möglicherweise erhalten diese Themen durch die neuen Sichtweisen eine neue, eine tiefere Bedeutung.


Zeitliche und dynamische Dimension


BNE bedeutet automatisch Zukunftsorientierung. Das heißt, die Themen müssen im Hinblick auf zukünftige Entwicklungen betrachtet werden. Entscheidend ist dabei, inwiefern persönliche Entscheidungen und Handlungen diese Entwicklungen beeinflussen können. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sind untrennbar miteinander verbunden und gehen kontinuierlich in einander über. Es ist wichtig sich mit der Geschichte und der Gegenwart zu befassen, um daraus für die Zukunft zu lernen. Zukunftsszenarien sind immer so etwas wie eine „Verlängerung“ der Gegenwart unter bestimmten, angenommenen Bedingungen. Szenarien, z.B. über die zukünftige Entwicklung des Klimas, werden gemacht indem Kurven mit realen Messwerten aus der Vergangenheit und Gegenwart unter bestimmten, festgelegten Bedingungen in die Zukunft extrapoliert werden (s. Permanenz).


Gerade im Wald ist diese zeitliche Dimension immer präsent. Betrachten wir die Anatomie von Holz, werden Jahresringe erkannt. Jahresringe sind „geronnene Zeit“ sind ein Geschichtsbuch, in dem man nur zu lesen verstehen muss. Zig Jahre alte Bäume sind Zeugen der Geschichte und zeigen mit ihrer Vitalität gegenwärtige Lebensbedingungen. Wälder, Waldgeschichte und Waldentwicklung führen Entwicklungen vor Augen. Forstliche Maßnahmen nehmen auf die Zukunft des Standortes direkt Einfluss.

 

Soziale, ökologische und ökonomische Dimension (Interdisziplinarität)

Ein Thema kann aus den unterschiedlichen Blickwinkeln der drei Aspekte Ökologie, Ökonomie und Sozialem betrachtet werden. Selbst diese Perspektiven sind erweiterbar um die kulturelle, die demokratische, die menschenrechtliche usw. Dimensionen. Einerseits geht es beim Perspektivewechsel (s. Bd I S.55) um das Darstellen der Unterschiede, die auftreten, wenn eine andere Focussierung eingenommen wird. Andererseits sind immer auch Gemeinsamkeiten und Übereinstimmungen der Standpunkte zu suchen, denn diese schaffen eine gemeinsame Verständigungsbasis. Darüber hinaus haben persönliche Verhaltensweisen und Entscheidungen (s. Subjektivität) meist Auswirkungen auf alle Dimensionen. Auch Zusammenhänge und Wechselwirkungen sollen herausgearbeitet werden können.


Interdisziplinarität sollte aber auch im Sinne von fächerübergreifend verstanden werden und wird dann gerade für die Waldpädagogik interessant. Es gibt viele Themen, die einer wissenschaftlichen Disziplin zuzuordnen sind, meist der Biologie. Jedoch ist gerade Biologie eine Wissenschaft, die heutzutage an sich schon interdisziplinär ist. Moderne Genetik und Systematik arbeiten ganz wesentlich mit boi-chemischen Methoden. Moderne Morphologie kommt nicht ohne physikalische Betrachtungen aus und Populationsdynamik stützt sich auf mathematische Modelle. Forstwissenschaften sind an sich ein Konglomerat von zahlreichen Wissenschaften von der Biologie über die Geografie zur Ökonomie. Vielerlei Aktivitäten und Programme (z.B. Waldwertberechnung, Farben, Holzaufbau) zeigen, dass im Wald interdisziplinär arbeiten meist einfach und immer unerlässlich ist.

 


Folgen von Handlungen und Entscheidungen

Jede individuelle und gemeinsame Handlung oder Verhaltensweise hat Folgen, die einerseits beabsichtigt und andererseits unbeabsichtigt sein können. Diese gilt es – insbesondere im Probehandeln in waldpädagogischen Aktivitäten - abzuschätzen, abzuwägen und in den Entscheidungsprozess einzubeziehen. Jeder Handlung gehen Entscheidungen voran. Ein Bewusstsein dafür ist zu entwickeln.


Viele Spiele und Aktivitäten der Waldpädagogik verdeutlichen die Konsequenzen der eigenen Handlungen und Entscheidungen. Bin ich als Maus nicht schnell genug weg, dann fängt mich die Eule. So zeigen alle Spiele, dass mein Verhalten den Ausgang nicht nur für mich, sondern für die ganze Gruppe mitbestimmt. Handhabe ich eine Säge nicht sachgerecht, dann besteht Verletzungsgefahr für mich und andere. Handwerkliches Schaffen zeigt Konsequenzen meist rasch, auch am Produkt. Forstliche Maßnahmen beeinflussen den Wald für mindestens Jahrzehnte. Die Entscheidung, ob ein Baum entfernt wird oder stehen bleibt prägt den Wald an diesem Standort für sehr lange Zeit. Hier schneidet sich auch diese Dimension der Folgenabschätzung mit der zeitlichen.

 

Bezüge zur Lebenswelt der Lernenden

Bei aller Zukunftsorientierung darf nicht die Gegenwart der Lernenden vernachlässigt werden. Beides muss zugleich berücksichtigt werden, um einen konkreten Lebensbezug herstellen zu können. Das Thema sollte möglichst eine praktische, alltagsrelevante Bedeutung haben, damit es für die Betroffenen attraktiv wird. Das heißt aber nicht, dass man sich auf lokale Aspekte beschränken soll. Denn es gibt eine indirekte Erfahrungswelt globaler Themen der Lernenden über mediale Vermittlung, die oft erstaunlich real erlebt wird. Allerdings sollten globale Prozesse und Folgen nur dann an lokalen Themen aufgezeigt werden, wenn sie wirklich konkret nachvollziehbar sind. Das didaktische Prinzip „nicht über Dinge reden, die nicht da sind“ ist gerade hier bedeutsam.


Die Kinder können durch das (Schul-)Haus gehen und alle Objekte sammeln oder aufschreiben von denen sie meinen, diese hätten mit Holz zu tun oder sie sammeln alles, was aus Holz gemacht ist. Kinder stellen aus Holz oder aus Altpapier oder aus beidem Papier her. Aus Holz machen sie es wie die Wespen oder wie die Papierfabrik. Löffel brennen oder schnitzen ist eine tolle Aktivität. Beeren sammeln und Marmelade herstellen. Eichelkaffee rösten, Nüsse oder Kräuter z.B. Bärlauch sammeln kann das Ernährungsthema eröffnen. Die Schnittmenge zum Globalen Lernen ist hier groß, denn jeder Alltagsbezug hier ermöglicht auch die Horizonterweiterung in die weite Welt. Der Perspektivewechsel ins Globale ist die eine Seite und der Blick nach hinten in die Geschichte (Zeitdimension) der andere. Leben wie in der Steinzeit ist ein ebenso attraktives Programm wie z.B. Leben wir Naturvölker.

 

Globale und lokale Dimension

Ist BNE angestrebt, dann sollte der Inhalt stets neben der lokalen Aspekte auch eine globale Dimension beinhalten. Die in Wechselwirkungen, Widersprüche und Dilemmata sind von besonderem Interesse. Was hat unser Verhalten mit dem Rest der Welt zu tun? Was können wir tun damit auch in anderen teilen der Welt Veränderungen möglich werden? Global betrachtet sind wir klein und hilflos – was können wir trotzdem tun? ... nicht um den Armen zu helfen, sondern um mehr Gerechtigkeit in der Welt zu erreichen. Kurzfristdenken, wie Spenden sammeln ist dann schnell nicht mehr aktuell und es wird eher um Fragen nach unserem klimawirksamen Verhalten gehen. Rasch werden Fragen der Mobiliät (z.B. Wie komme ich zur Schule?), nach unserem Konsumenten- und Einkaufsverhalten (z.B. Geiz ist geil! – immer das Billigste oder schaue ich auf Aspekte von ökologisch und fair?). Diese Zusammenhänge müssen in einer anspruchsvollen Waldpädagogik, die sich als BNE versteht, entsprechend Platz finden.


Kinder schnitzen und/oder brennen Holzlöffel. Selbst Pfeil und Bogen oder Steinschleudern ermöglichen einen Alltagsbezug, eventuell sogar zu anderen Völkern, die mit solchen Geräten auf die Jagd gehen. Auch Hütten bauen ermöglicht den Bogen vom lokalen Spielhaus zur weltweiten Sicht. Kochen am offenen Feuer bringt nicht nur das Thema Energieträger, sondern auch Fragen nach geschmackvoller (z.B. Gewürze) und gesunder (z.B. vegetarischer) Ernährung auf. Feuer und Feuer machen sind immer attraktive Programmpunkte. Wird der Stockwerkbau unserer Wälder in Sammelaufträgen und Präsentationen erarbeitet, dann kann es durchaus nahe liegen tropische Wälder zu thematisieren. Allerdings müssen diese dann auch konkret nahe gebracht werden, m den konkreten Vergleich zu ermöglichen. So kann z.B. der Stockwerkbau in Tropenwäldern über ein großes Bild, direkt im Wald aufgehängt, her geholt werden.

 

Interaktive Vorgehensweise

Jedes Thema, jeder Inhalt kann auf Grund unterschiedlicher Bezüge und Wertvorstellungen der Beteiligten sehr unterschiedlich beurteilt werden. Zunächst soll ein Verständnis für andere Perspektiven entwickelt werden, was die Grundlage für weitere gemeinsame Planungen, Abstimmungen und Handlungen ist. Dies kann zur Einfühlung in andere, zum Reflektieren des eigenen Leitbildes und denen der anderen führen. Das heißt einerseits, dass die Leitenden stets mit „Herz und Ohr“ eng an der Zielgruppe arbeiten. Das heißt nicht, dass immer ausschließlich das, was Spaß macht getan wird. Nicht „Bespaßung“ ist das Ziel, sondern ein interaktiver Bildungsprozess, der durchaus auch Spaß und Freude machen darf. Also mit der Zielgruppe gezielt die gesteckten Ziele anstreben, vielleicht nicht alle und sicher nicht „mit Gewalt“, aber zielstrebig. Interaktiv heißt also einerseits Impulse, Anregungen und Interessen der Teilnehmenden aufgreifen und integrieren. Andererseits heißt das aber auch, dass die Teilnehmenden recht weitgehend das Programm mit gestalten können. Immer wieder freie oder freiere Räume im Programm einräumen, so dass gemeinsames Gestalten möglich wird. Partizipation der Teilnehmenden ist ein hohes Ziel der BNE. Insbesondere kreative Aktivitäten bieten sich an – denn dazu ist in jedem Falle ausreichend Freiraum einzuplanen. Freies Spiel ist für Kinder besonders wichtig. In Kurzzeitprogrammen können Aktivitäten, wie die Spurensuche auch als Freies Spiel inszeniert werden. Fragen aus der Gruppe aufgreifen – ohne gleich „vom Stöckchen zum Hölzchen" [38] zu kommen.

 

Exemplarisches Lehren und Lernen

Es ist möglich, an wenigen ausgewählten Beispielen Zusammenhänge und Erfahrungen, damit auch grundlegende Einsichten zu gewinnen. Allerdings findet Transfer dieser Erkenntnisse auf andere Situationen nicht automatisch statt, er muss dieser mit den Lernenden gemeinsam erarbeitet werden. Martin Wagenschein (1975b) führt in seiner Didaktik aus, dass es immer wieder wichtig sei „exemplarisch tiefgründig verankerte Pfeiler“ zu setzen. Dies sind Projekte oder sehr interaktive Unterrichtssituationen („sokratisch, genetische Unterrichtsgespräche“). Dabei geht es darum, dass die Lernenden selbst aktiv werden und selbstständig denkend sich Sachverhalte erschließen. Lehrende sind dabei aktive, besser interaktive lernbegleitende Unterstützende des Lernprozesses. Projekte – im klassischen Sinne – sind „schülerzentrierte“ Lerneinheiten, die ganz wesentlich in Inhalt und Verlauf von den Lernenden bestimmt werden. Projekte sollen in Veröffentlichungen münden, also anderen Lernenden exemplarisch zeigen wie und was erarbeitet wurde.


Das Kriterium der Exemplarität ergibt sich aus der Vielzahl möglicher Themen und Inhalte. Es können nicht alle in den Bildungsplänen aufgeführten, in der Agenda 21 genannten Handlungsfelder oder gar alle wünschenswerten Themen und Teilaspekte mit der selben Intensität erarbeitet werden. Vollständigkeit ist nicht möglich und Oberflächlichkeit soll vermieden werden. Daher muss eine gezielte und zielführende Auswahl stattfinden. An klug ausgewählten Beispielen sollen allgemeine Prinzipien deutlich erkennbar werden.

 


[37] Ein Musterbeispiel für leeres, also nicht erfahrungsgestütztes Wissen sind die Gespräche mit Kindern der „Maus- und Galileogeneration“ über Neutrinos oder Astronomie. Bedauerlicherweise werden Kinder heute in Medien, ebenso wie in der Schule viel zu oft mit leerem Wissen abgefüllt. Eigene Erfahrungen sammeln tut Not, denn nach Gagne ( 1969; s. BdI S.80) kommt vor dem Lernen von Regeln und dem Lösen von Problemen, das Lernen von Begriffen und das hat mit „be-greifen“ zu tun.

[38] Leider ist Abschweifen der Leitenden häufig. Ein kluger Mittelweg, ist zu suchen. Der Witz über eine Prüfung in der zu Schlangen befragt wird und der Prüfling den schlangenförmigen Rüssel des Elefanten als Einstieg zu seinen Ausführungen über Elefanten – anstatt – nutzt, ist ein witziges und abschreckendes Beispiel.